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Überlieferungen:
Druckerlatein oder Termini technici?

ABC-Buch: Buch mit 23 Druckbogen
Affiche: Anschlagzettel, Plakat
Ahlenstechen: Auseinandersetzung
Akkolade: größere geschweifte Klammer
Alinea: Einzug für Absatz
Allongeseite: ausklappbare Buchseite
Anekdota: liegengebliebene Arbeit
Ankellen: zu festes Schließen der Druckform
Arschgespann: 2 Setzer in enger Gasse
Ausfuchsen: Kasten aussetzen, ohne Ablegen
Augenpulver: sehr kleine, unlesbare Schrifttypen
Aushängebogen: 1. Druckbogen einer Auflage
Ausschießen: Druckbogen zusammenstellen
Ausschlachten: Blindmaterial ablegen, ohne Schrift
Ausschließen: Zeile auf Satzbreite
Austreiben: verbreitern
Azureelinie: Sicherheitslinie

Belebungstypen: ausgefallene Typen einer Schrift
Blankschlagen/Blindschlagen: Blockade für Wort/ Zeile
Blauer Montag: wurde zum Trinken/ Ausschlafen benutzt
Bleiläuse: Fabelwesen in der Offizin
Brotschrift: große Mengen für glatten Satz
Buchdruckerfarben: purpur, gold, blau, silber, schwarz

corr. corr. impr.: nach Korrigieren des zu Korrigierenden werde es gedruckt!

deleatur: entfernen
Diversorium: Stab zur Zeilenführung am Tenakel
Divis: (Ab-)Teilungszeichen
Druckerspeck: wiederkehrende Arbeit
Druckstöckchen: kleine Vignette
Durchschlagen/ Durchbluten: der Farbe durchs Papier
Durchschießen: Zeilenabstand

Eierkuchen: gequirlter Satz

Fileten: netzartige Verzierungen
Finalstock: Schlußvignette
Finaltypen: Endbuchstaben
Fisch: falscher Buchstabe im Fach
Fischhaufen: Ansammlung falscher Typen
Flebben: die Arbeitspapiere
Fliegenkopf: Blockade, druckender Fuß der Type
Frosch: Kartonmarke am Handtiegel
Furz: kleine Arbeit

Geisterbilder: Abwicklungserscheinungen
Gesundheitsklopfen: beim Niesen der Kollegen
Gillotage: Strichätzung
Grab: Raum schaffen für Leiche
Guillement: französische Anführungszeichen
guillochierte Linien: wellen-, bogen-, kreisförmige Linien

Hamster: Ausschluß sammelnder Setzer
Handtuch, Schal: schmaler langer Satz
Hasenöhrchen: „...“ (dt. Anführung)
Heißsatz: Maschinensatz
Hering: Rüge
Hochzeit: doppelt gesetzt, Wort oder Zeile
Horierte Lettern: verzierte Initialien
Hurenkind: letzte Zeile eines Absatzes als erste Zeile einer Kolumne

Imprimatur, impr: Druckreife, Gut zum Drucke!
Irisdruck: Regenbogenfarben-Druck

Jungfrau: fehlerfrei gesetzte Kolumne

Kaltsatz: Handsatz
Kelle: Winkelhaken
Knüppel-, Schwanzschrift: mit langen Strichen
Kollationieren: Durchsehen auf Vollständigkeit
Kolumnentitel: lebende und tote
Kometen, Butzen, Popel: Fehldruckstellen
Kompreß: Zeilen ohne Durchschuß
Korrigierstahl: Ahle
Kunst haben: Lohnarbeit haben
Kuß: beim Ablösen des Papiers vom Druckstock

Lausedarm, -haar: sehr kleine Differenz
Leiche: ausgelassene Wörter/Satzteile
Leiche begraben: Korrektur der Auslassung
Ligatur: Verbundtypen
Logotype: 2 zusammengegossene Typen

Majuskel: Versal-, Großbuchstabe
Männchen auf Männchen: Zeile auf Zeile, genaue Nachauflage
Minuskel: Gemeine, Kleinbuchstabe
Mönch: zu schwach druckende Stellen
musierte Schrift: im Notensatz

Negerzeitung: mit zu viel Farbe Gedrucktes

O-Bogen: Unglücksbogen, früher der 14. Bogen, A-/B-/C- usw.
Offizin: Druckwerkstatt

Paranthese: Einschaltung (...)
Pinnen: Zeile auf Zeile setzen
Poppelbaum: Ablegebrett

Quirlen: verrutschter Handsatz
Quadräteln: Wurfspiel mit Gevierten

Rasterpunkte sortieren: ein Scherz

Satz klopfen: vor dem Druck justieren
Sauerkraut: Reklamation
Saure-Gurken-Zeit: wenn's keine Erwerbsarbeit gibt
Setzerscherze: Figuren aus Typen
Setzerspeck: Stehsatz
Scharteke: unbedeutendes Buch
Schimmelbogen: unbedruckter Bogen der Auflage
Schmorkohl: einfachste Arbeit
Schmonzette: schöngeredetes Buch
Schnellschuß: kurzer Termin
Schuh bauen: Unterlage bauen
Schusterjunge: erste Zeile eines Absatzes als letzte Zeile der Kolumne
Schwarzer: Vorlaufbogen
Schweizerdegen: ein Setzer-Drucker
Spieß: mitdruckendes Blindmaterial
Speck: z. B. Stehsatz einer neuen Arbeit
Stampiglie: Begleitzettel
Strümpfe besohlen: unmögliche Arbeit

Tausendpreis: Druck für Handzettel
Tenakel: Manuskripthalter
tote Zeilen: ausgedruckter Satz
Kolumnentitel: tote und lebende
Tränen-, Rotznasen-Gotisch: mit hängenden Strichen

Verfischen: Buchstaben in falsche Fächer
vertatur: umdrehen
Verwunderungszeichen: !!!

Walzenschmitz: unsauberes Druckbild
Witwe: allein stehendes Wort in letzter Zeile
Wolken: ungleiche Farbgebung

Zeug: abgenutzte Schrift
Zitationszeichen: «....»
Zwiebelfisch: Type anderer Schrift im Fach

En Suite:
alte Bezeichnungen – klingen nicht bleiern

in Punkt
2 – Viertelpetit (non plus ultra)
3 – Viertelcicero (Brillant)
4 – Halbpetit (Diamant)
5 – Perl
6 – Nonpareille
7 – Kolonel (Mignon)
8 – Petit
9 – Borgis (Bourgeois)
10 – Korpus (Garmond)
11 – Rheinländer (Brevier)
12 – Cicero
14 – Mittel
16 – Tertia
18 – Paragon (1 1/2 Cicero)
20 – Text
24 – Doppelcicero
28 – Doppelmittel
32 – Doppeltertia (Kleine Kanon)
36 – 3 Cicero (Kanon)
42 – Grobe Kanon
48 – 4 Cicero (Kleine Missal)
54 – Missal
60 – 5 Cicero (Grobe Missal)
66 – Kleine Sabon
72 – 6 Cicero (Sabon)
84 – 7 Cicero (Grobe Sabon)
96 – 8 Cicero (Real)

Verballhornen, Verballhornisieren steht für:
nach Korrektur schlechter ...
Balhorn, Lübecker Buchdrucker (1530–1603):
soll 1580 die Ausgabe des Lübecker Statuts eigenmächtig verbessert haben, welches aber danach allgemein verurteilt wurde

«Schwarze Kunst»:
Nicht nur wegen der Druckerschwärze ...
Heute meist scherzhaft, nicht mehr im ursprünglichen Sinne gebrauchte Bezeichnung für die Buchdruckkunst. Der Name ist noch zur Zeit Gutenbergs im Volksmund entstanden und brachte zum Ausdruck, daß die damals lebenden Menschen in der Kunst des Setzens und Druckens Zauberei, d. h. etwas geheimnisvolles, mit magischen Kräften Verbundenes, sahen – auch weil lange Stillschweigen über die Geheimnisse dieser Technologie lag ...
steht heute auch fürs Schwarzbierbrauen ...

Bücherverbrennung:
Scheiterhaufen der Eitelkeiten (16. Jhd.),
J.-Hus-Schriften, in der Reformationszeit,
1933 usf.
Fahrenheit 451 ...

Druckgenehmigung, Bücherverbot, Index:
Imprimatur, impr. = es werde gedruckt
(aus katholischem Kirchenrecht, Zensur)

später weiter:

Zensur:

Druckgenehmigung in der DDR:

später weiter:


Von Hasenöhrchen, Jungfrauen und Küssen ...
Unter Hochdruck in beletterter Atmosphäre der «Schwarzen Kunst» – den typischen Geruch von Maschinenöl, Druckfarbe und Papierstaub in der Nase – durch turv-mino-aed des Setzkastens in Nonpareille, Petit, Borgis, Korpus oder Cicero, für den Titel Mittel, Tertia, Doppelmittel oder Text – natürlich nicht alle auf eine Seite – machmal auch die Größen Missal oder gar Sabon, für gewichtige, geistesgeblitzte Worte spitzfingernd aus Kästen für liegende oder stehende AbCs, neu geordnet, zur Zeile im Winkelhaken gesetzt. Schusterjungen, Hurenkinder, Leichen, selbst Hochzeiten, Zwiebelfische und Bleiläuse möglichst meidend und auf Augenpulver verzichten – Jungfrauen hingegen sehen Factor und Principal gern. Die Seiten aus Bleilettern, Spatien, Quadraten, Regletten und Stegen, bei Bedarf auch Linien aus Messing, komponierend, der Spezifica braucht hier und da schon mal ein Florpostspänchen für den guten Satz. Die toten oder lebenden Kolumnentitel nur nach Manuskript – auch der Dedigationstitel und die Vakatseite müssen jetzt mit, kolumnisch verschnürt, dann verschifft zur glatten Schließplatte. Nur keinen Eierkuchen machen! Schmutztitel und Kolophon stehen schon in Position – sollen die zum Schön- oder erst zum Widerdruck? Endlich im Schließrahmen der schwarzen, gußeisernen Saurier-Presse – nicht zu locker und nicht zu fest mit Schlüssel und Schließzeug fixieret und mit Holz beklopfet. Wie ausschießen, zum Umschlagen oder Umstülpen des Bogens? Noch so ein Wunder: Wie kommt das weiße, unberührte Papier sauber und ohne Flecken durch diese schwarzen, öligen Schnell-Pressen? Ist das schon die «Schwarze Kunst» oder nur «das Polygravieh»? Den seltsam geschwungenen Holzbuchstaben aus der Doppelkonkordanzia Rotznasen-Rundgotisch als Initial – zuvor noch justieren mit Karton und Papier und zur Kontrolle zum Druckstock-Höhenmeßapparat. Auf der Druckfahne waren nur einige Deleatur- und Vertaturzeichen sowie Läusedärme zu sehen – Fliegenköpfe schon gewechselt – auch Leichen begraben.
Welches Papier nehme ich – maschinenglatt oder gerippt, Vergé, gelblichweiß, eierschale oder chamois? Es muß sich gut anfassen – begreifen lassen, darf nicht zu rauh in der Oberfläche sein bei kleiner Schrift, nicht zu hart, zu stark geleimt sein für die Feinheiten der Typen und deren Serifen, aber zu glatt ist auch nicht schön. Besser ist ein sanftes Büttenpapier mit naturrauhen Kanten und einer Oberflächen-Struktur wie menschliche Haut, Velin – eine gute Qualität für die Haptik. Soviel Druckerschwärze wie nötig auf Typen, Vignetten und Linien gewalzet, Punzen sorgsam freilassend, Kometen sind vorher zu entfernen. Kraftvoll, aber gleichmäßig, so gut wie möglich alles ins weiche Papier gepreßt, einen guten Eindruck hinterlassend ...
Fortsetzung folgt ...

 

 

«Der Glaube an das Zählen und Messen verführt in allen Künsten zu den gröbsten Fehlern.» (Paul Renner)